Romeo und Julia - eine besondere Tierliebe

Romeo und Julia – wer denkt da nicht an die gleichnamige Tragödie von William Shakespeare. Doch im Vogelpark Niendorf handelt es sich um ein besonderes Liebespaar.

"Wir staunten nicht schlecht, als uns eine ältere Dame vor ein paar Monaten ihren Gänserich namens Romeo brachte und uns erklärte, dass sich ihr Romeo in eine Keramik-Julia verliebt hatte", berichtet Klaus Langfeldt, der Betreiber von Deutschlands idyllischstem Vogelpark in Niendorf bei Timmendorfer Strand. Und wirklich, der 15 Jahre alter Ganter weicht der schneeweißen Keramikgans mit der blauen Schleife nicht von der Seite. Eifersüchtig bewacht der Mischling aus Höckergans und Toulouser Gans seine große Liebe, versucht allzu neugierige Besucher auf Distanz zu halten und schmiegt dann wieder ganz verliebt seinen Hals an seine Julia. Dabei soll der schöne Romeo schon glücklich mit drei Artgenossinnen zusammengelebt haben. Nur, er hat sie alle überlebt und war dann einsam und allein übrig geblieben. Und als er traurig in seinem Gehege saß, hat ihm sein Frauchen zum  Trost und zur Gesellschaft die Keramikgans dazugestellt.

Zwar hat Klaus Langfeldt schon erfolgreich 38 Eulenarten nachgezüchtet, besitzt eine der größten Sammlungen lebendiger Eulen der Welt, hat ein Kasuarküken von Hand aufgezogen und verfügt auch sonst in Sachen Vogelkunde über ein absolutes Fachwissen, aber, dass sich eine ausgewachsene Gans in eine Keramikgans verlieben sollte – das ist dann doch neu. Und so rätselt man im Vogelpark ob die schneeweiße Julia nicht schon den Garten der älteren Dame zierte, als der kleine Romeo aus dem Ei schlüpfte und begann die Welt zu erkunden. Denn eigentlich lassen sich Vögel nur während einer ganz kurzen Spanne nach dem Schlüpfen prägen und diese Prägung hält dann ein Leben lang.

Verhaltensforscher Konrad Lorenz schrieb mit seinen Prägeversuchen bei Graugänsen Geschichte. Sein Buch "Das Jahr der Graugans" das seine Erlebnisse und Forschungen als Ziehvater der kleinen Graugans Martina schildert, gehört noch immer zu den schönsten Tiergeschichten. Die Prägungsphase bei Jungvögeln macht absolut Sinn, denn so speichert sich der Nachwuchs die Merkmale der Eltern und findet als erwachsenes Tier den artgerechten Partner.

Bei Romeo scheint da eindeutig etwas schief gelaufen zu sein. Er hat nur Augen für seine Julia. Das kommt in Deutschlands natürlichstem Vogelpark so gut an, dass der Ganter binnen kürzester Zeit zum absoluten Liebling der Besucher avancierte. Und das obwohl hier auf 70.000 Quadratmetern Fläche rund 1.000 Vögel in ca. 250 Arten gehalten werden. Dazu gehören Raritäten wie Helmkasuare, verschiedene Kraniche, Störche, Reiher, Flamingos, Pelikane, Störche, Andenkondore und viele mehr.

"Bisher brauchten wir kein Gehege für Romeo, denn er bleibt ganz einfach dort wo wir seine Keramikgans hinstellen. Wenn ich die Keramik-Julia auf dem Arm habe, folgt mir Romeo beinahe wie ein Hund durch den ganzen Park", erklärt Klaus Langfeldt, "damit dem Ganter die interessierten Gäste unseres Parks aber nicht zu dicht auf den Pelz, beziehungsweise auf das Gefieder rücken, haben wir ihn und seine Keramikgans zu den Nonnengäsen, Zwergflamingos, Schwarzhalsschwänen und Truthühnern verfrachtet." Streitigkeiten mit anderen Vögeln gibt es nicht, Romeo duldet alle Arten um sich herum solange sie Abstand zu seiner Geliebten halten. Die sehr intensiven Annäherungsversuche der Nonnengänse haben keinerlei Wirkung erzielt. Nach wochenlangem erfolglosem Werben haben es die Gänse aufgegeben und sich erfolgreich mit Artgenossen eingelassen.

Jetzt versucht eine Schwarzhalsschwan-Dame den kühlen Ganterich zu bezirzen. Immerhin darf der Schwan ganz ungestraft in die Nähe von Julia und das sogar, wenn der verliebte Ganter ein paar Meter bis zum Futternapf watschelt. Nun sind alle gespannt, wie es weiter geht. Die Hoffung auf Gänseküken hat man aber schon aufgegeben und nur für ein Foto ein paar Quietsche-Enten neben Romeo und seine Keramik-Dame gestellt. Dabei ist man im Vogelpark um das Wohlergehen des fehlgeprägten Ganters bemüht. Wenn es in der Sonne zu heiß ist, wird Julia in den Schatten gestellt. Und wenn man der Meinung ist, dass Romeo mal wieder ein kühlendes Bad nehmen sollte, wird Julia an einen Teich gesetzt. Nur leider hat die ganze Fürsorge auch seine Schattenseiten, denn vom vielen hin und her tragen hat die filigrane Keramikgans einen Sprung bekommen. An Julias weißem Hals zeichnet sich ein Riss ab.

Für den Fall, dass Julia eines Tages kopflos sein sollte, haben sich die Mitarbeiter des Vogelparks schon Kleber besorgt, um den Schaden zu beheben falls sie bis dahin noch keinen passenden Ersatz gefunden haben sollten. Aber wer weiß – vielleicht entdeckt der fesche Romeo ja doch noch seine Gefühle für die Gänse-Dame. "Wer eine ältere Höckergans für unseren Romeo hat, möge sich bitte telefonisch unter (045 03) 4740 oder per mail unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. melden", erklärt Klaus Langfeldt.

Aktualisierung: Mittlerweile schwimmt die Gans, so wie es sein soll, mit seinen richtigen Artgenossen über den Teich (geschrieben von Thorsten Nöhren)

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